T.S. Orgel: Die Blausteinkarten

Neues aus der Werkstatt:

Karten und Fantasy-Welten gehören zusammen wie Nuss-Nougatbrotaufstrich und Butter. Jetzt werden uns einige zustimmen und andere einwerfen, dass man die braune Süßpampe doch ohnehin nur ohne Butter genießen kann.

Und genau so teilen sich die Meinungen beim Thema Fantasy und Karten.

Da haben wir auf der einen Seite ausgefeilte, liebevoll gestaltete Kartenwerke, ohne die zum Beispiel Mittelerde oder Westeros nicht komplett sind – und auf der anderen Seite namhafte Autoren wie Joe Abercrombie, der (sinngemäß übersetzt) sagte:
„Ich will, dass der Leser vom Text gefesselt ist und vor Spannung an den Fingernägeln kaut, während er danach fiebert, herauszufinden, was als nächstes kommt, und nicht, dass er ständig zur Klappkarte blättert, um herauszufinden, wie weit genau Carleon von Uffrith entfernt liegt, oder was auch immer.“

Beide Ansätze haben etwas, was für sie spricht.
Eine Karte schreit förmlich: Komplexe Fantasywelt voraus – schaut, was es alles zu entdecken gibt!
Ein Buch ohne Karte ermöglicht es dagegen dem Text, vor den Augen der Leser ein etwas vages und damit vielleicht sogar noch größeres Bild einer unentdeckten Welt zu erschaffen, von der sie nur soviel wissen, wie ihnen ihre Reise durch das Buch bislang verraten hat.

Es blieb also nicht aus, dass wir uns auch mit dieser Frage auseinandersetzen mussten. wobei es weniger die Frage war: Brauchen wir eine Karte (die Frage lässt sich mit einem klaren Jein beantworten. Dazu kommen wir gleich noch …), sondern: wollen wir, dass unsere Leser eine Karte bekommen? Oder zumindest: wollen wir, dass Ihr die Karte schon in Band 1 des Buches bekommt?
Im Gegensatz zu unseren vorherigen Romanen war sie für uns selbst von Anfang an ein Stück wichtiger. Nicht unbedingt, um genaue Orte, Umrisslinien und Kompasskoordinaten zu haben, aber es existiert dieses Mal eben nicht nur eine Stadt im Nirgendwo, sondern ein Kaiserreich mit mehreren Provinzen, mehreren Großstädten – und vor allem mehreren Handlungsorten. Von einer ganzen Handvoll verbündeter oder rivalisierender Nachbarn ganz ganz zu schweigen. In diesem Fall ist ja das Kaiserreich Berun selbst einer der Handlungsträger.
Um da den Überblick zu be- und die zeitliche Abfolge der Erzählung logisch zu erhalten war es sinnvoll, von Anfang an mit einer groben Übersichtskarte zu arbeiten.

 

Tertys-Skizze-01

Gleich zu Beginn der Planung hatten wir neben dem Kaiserreich auch die Idee zu einem eher losen Städtebund, der jetzt der ‚Novenische‘ heißt – ein Verband rivalisierender Stadtstaaten, die zusammen eine ernstzunehmende Konkurrenz für das Reich darstellen würden – wenn sie nicht untereinander in ständig wechselnden Allianzen zerstritten wären.
Ein anderer Fixpunkt auf der Karte ist das weiter östlich gelegene Reich Kolno. Ursprünglich als Großfürstentum angelegt, bekam es im Lauf der Entwicklung unserer Geschichte schließlich doch den Status eines Königreichs. Denn welcher Fürst nennt sich schon selbst nur Fürst, wenn er unabhängig genug ist, sich gleich zum König aufzuschwingen? Das gibt ihm auf dem politischen Parkett doch gleich einen anderen Stellenwert neben dem Kaiser.

Jedenfalls hatte uns der Zufall … Verzeihung … hat uns intensive Recherche dann einen Kartenausschnitt in die Finger gespielt, der unserer Vorstellung vom geplanten Setting nahe genug kam, um im weiteren Verlauf damit arbeiten zu können.

 

Blausteinkarte-01-A

Zumindest, nachdem er in Lage und Größe an eine Europakarte angepasst war, um uns selbst einen Eindruck davon zu geben, in welchen Dimensionen (und klimatischen Bedingungen) wir uns bewegen.

Blaustein-Weltkarte-1C

Im Schreibverlauf wechselten dann einzelne Details der Karte (von Küstenlinien über Flüsse, Bergketten und natürliche Grenzen, hin zu Lagen von einzelnen Siedlungen) noch mehrfach durch, um das Ganze zu unserer Welt, zu Tertys zu machen.

(Tipp: Auf die Bilder klicken, um sie größer zu sehen)

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Gegen Ende der Schreibarbeit ging die Karte schließlich an den Verlag und von dort zu einem Profi, Andreas Hancock, der aus unserer zusammengeschnipselten Arbeitsgrundlage eine wunderschön gestaltete, echte Karte machte. Die, die Ihr auf amazon schon entdecken konntet und die bald die innere Klappe der „Blausteinkriege“ ziert.

Blaustein-Weltkarte-06-final

Zurück zur Frage „Warum jetzt eine Karte“?

Antwort: Weil wir finden, dass sie wirklich cool aussieht. Weil wir unseren Lesern eine Orientierungshilfe bieten wollen – und möglicherweise ein klein wenig, weil sie auch die Gelegenheit bietet, Euch an der einen oder anderen Stelle in die Irre zu führen.

Denn vielleicht – nur vielleicht – solltet Ihr dieser Karte nicht vollständig vertrauen.

Sie zeigt nur, was der Kartenmacher weiß. Oder was er zu wissen glaubt. Möglich, dass einige Randbereiche doch ganz anders aussehen, dass einige Grenzen anders verlaufen, einige wichtige Landmarken fehlen oder auch am falschen Ort stehen. Unser Kartograf war nicht überall und er musste sich auf Berichte und Gerüchte von anderen verlassen. Und die haben vielleicht Drachen gesehen, wo gar keine sind, oder es gibt so große, dass noch niemand zurückkehrte, um dem Zeichner davon zu berichten. Oder sie hatten Gründe, nicht die ganze Wahrheit zu sagen … Alles ist möglich.

Wir wünschen eine gute Woche,
Tom & Stephan